Determinants of cross-border interactions : co-patent activities, 'mental distance' and cooperation in public transport in European regions

  • Determinanten grenzüberschreitender Interaktionen : Ko-Patentaktivitäten, "mentale Distanz" und Kooperation im öffentlichen Personennahverkehr in europäischen Regionen

Basche, Henrik; Fromhold-Eisebith, Martina (Thesis advisor); Schiller, Daniel (Thesis advisor)

Aachen : RWTH Aachen University (2022)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2022

Kurzfassung

Transnationale Interaktionen können vielfältige Potentiale für Akteure in Grenzregionen (einschließlich Unternehmen, Behörden, Universitäten und Individuen) bergen. Diese Potentiale können zum Beispiel in Form verbesserter ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit durch den Austausch komplementären (und stillen) Wissens, einer effizienteren Allokation von Humankapital oder einer erhöhten Lebensqualität durch kollektiv genutzte Infrastrukturen zum Ausdruck kommen. In vielfältigsten Forschungsbeiträgen zu den Themenkomplexen Innovation, Grenzraum und Raumplanung ist die institutionelle Distanz - die sich auf Unterschiede hinsichtlich offiziell gesprochener Sprachen, Kultur und formeller Regularien beziehen kann - zwischen Akteuren als Haupthemmnis grenzüberschreitender Interaktionen identifiziert worden. Abgeleitet aus konkretem Forschungsbedarf aus diesen Literatursträngen wird in der vorliegenden kumulativen Dissertation die kontextspezifische Rolle institutioneller Einflüsse (insbesondere von Sprache) auf grenzüberschreitende Interaktionen untersucht. Diese kumulative Dissertation besteht im Kern aus drei wissenschaftlichen Artikeln, die in "peer-reviewed Journals" publiziert worden sind. Der angewendete Methodenmix - ökonometrische Modellierung, statistische Auswertung standardisierter Befragungsdaten und qualitative Expert*innen-Interviews - trägt der Heterogenität der untersuchten grenzüberschreitenden Interaktions- und Kooperationsmuster Rechnung. Um Repräsentativität zu gewährleisten, werden im ersten Artikel Determinanten grenzüberschreitender Ko-Patentaktivitäten in (fast) allen innereuropäischen und nicht-maritimen Grenzregionen (EU-28- und EFTA-Länder) analysiert. Das belgisch-deutsch-niederländische Grenzgebiet (die Euregio Maas-Rhein) dient wegen der ausgeprägten kulturellen Vielfalt als Untersuchungsregion des zweiten Artikels, um Determinanten "mentaler Distanz" zu erforschen. Aufgrund des ausgebauten grenzüberschreitenden ÖPNV-Netzes stellt die Euregio Maas-Rhein ebenfalls die Referenzregion im dritten Artikel dar. Hierin werden Wechselwirkungen zwischen Schlüsselfaktoren, die grenzüberschreitende ÖPNV-Kooperation beeinflussen, untersucht. Determinanten grenzüberschreitender Ko-Patentaktivitäten, die als Indikator für interaktive Innovationsprozesse dienen, werden im ersten Artikel anhand von Gravitationsmodellen auf NUTS-3-Ebene untersucht. Diese ökonometrische Methodik dient dazu, Einflüsse von Sprachgemeinsamkeiten und europäischer Integration zu spezifizieren und generalisieren. Unter Berücksichtigung von Einflüssen durch räumliche Distanz, "technologische Nähe" und europäische Integration zeigen die ökonometrischen Modelle, dass sich die Anzahl der grenzüberschreitenden Ko-Patente zwischen NUTS-3-Regionen um den Faktor 1,83 bis 2,49 ceteris paribus erhöht, wenn in diesen dieselbe Amtssprache gesprochen wird, d.h. institutionelle Nähe gegeben ist. Um Determinanten zu identifizieren, die "mentale Distanz", d.h. die eingeschränkte Wahrnehmung von Aktivitäten jenseits der "eigenen" Landesgrenzen, bedingen, wurden im Rahmen des zweiten Artikels Primärdaten (2019) in der Euregio Maas-Rhein erhoben. In der gegenwärtigen Grenzraumforschung wird die insgesamt als moderat empfundene, grenzüberschreitende Arbeitskräftemobilität in Europa durch mentale Distanz erklärt. In der vorwiegend konzeptionellen Literatur wird impliziert, dass die mentale Distanz von Individuen unveränderlich und homogen ausgeprägt sei. Statistische Auswertungen der gewonnenen Primärdaten zeigen hingegen auf, dass Fremdsprachenkenntnisse regionaler Sprachen (Deutsch, Französisch und Niederländisch) häufig signifikant mit einer höheren Verbundenheit mit ausländischen Städten (d.h. einer geringeren mentalen Distanz) korrelieren. Im dritten Artikel wird ein qualitativ-explorativer Ansatz verfolgt, um Aufschluss über Wirkungen sämtlicher institutioneller Effekte (d.h. durch Kultur, formelle Regularien und Sprache) im Kontext grenzüberschreitender ÖPNV-Kooperation, bei der sich Barrieren transnationaler Zusammenarbeit besonders offenbaren, zu erhalten. Die Auswertung von qualitativen, leitfadengestützten Interviews (2020) mit neun Expert*innen im Bereich grenzüberschreitender ÖPNV-Kooperation deckt erhebliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Typen von Einflussfaktoren auf (z.B. zwischen finanziellen, administrativen und rechtlichen Barrieren). Aufgrund des vielschichtigen Faktorengefüges ist es schwierig, die Wichtigkeit von (zentralen) Faktoren, die grenzüberschreitende ÖPNV-Kooperation beeinflussen, individuell zu bestimmen. Abschließend lässt sich konstatieren, dass Sprache hinsichtlich grenzüberschreitender Interkationen ubiquitär, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, zu wirken scheint. Sprachgemeinsamkeiten bzw. ausgeprägte Fremdsprachenkenntnisse sind bedeutende hinreichende Bedingungen für grenzüberschreitende Interaktionen im Alltag von Individuen und im Kontext wissensintensiver Zusammenarbeit. Einflüsse unterschiedlicher formeller Regularien, deren Wechselwirkungen mit weiteren Faktoren (z.B. administrativen Strukturen) und übergeordnete organisationsinterne oder politische Interessen relativieren hingegen die Wichtigkeit von Sprache in Kontexten grenzüberschreitender organisationaler Kooperation und Verhandlungen.

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